Von der Reformation zu den Freikirchen

Die weite Reise der Täuferbewegung

Erwachsenentaufe durch die Evangelikalen Gemeinde Villach

Erwachsenentaufe in der
Evangelikalen Gemeinde Villach
(Bild: M. Eder)

In Österreich werden Freikirchen unterschiedlich wahrgenommen. Oft begegnet man etwa dem Eindruck, dass Freikirchen amerikanischen Ursprungs sind und sich seit ein paar Jahrzehnten auch in Österreich etablieren. Und so wurden wirklich einige der freikirchlichen Gemeinden durch Missionare aus dem Ausland gegründet, wie es auch bei der Evangelikalen Gemeinde Villach zutrifft. Doch das ist nur die Hälfte der Geschichte. Die Wurzeln der heutigen Freikirchen liegen in der Reformation, als sich um 1525 in Zürich eine Gruppe um Ulrich Zwingli abspaltete und unter anderem eine Erwachsenentaufe (auch Glaubenstaufe genannt) forderte. Ab diesem Zeitpunkt begann die weite Reise einer Bewegung, die von Europa ausging und heute weltweit vertreten ist. Diese Reise der sogenannten Täufer (oder Wiedertäufer ¹) ist das Thema der folgenden Ausführungen. Auch die Evangelikale Gemeinde Villach wurzelt im Täufertum und gehört innerhalb des Bundes der Evangelikalen Gemeinden Österreich den Freikirchen in Österreich an.

Die vorliegenden Erklärungen sind chronologisch unter drei Hauptaspekte zusammengefasst. (1) Zuerst wird der Ursprung der Täuferbewegung umrissen. (2) Darauffolgend wird die Verfolgung und Verdrängung der Gruppe skizziert. (3) Zuletzt wird das Aufkommen der österreichischen Freikirchen und dessen Verbindung zu den historischen Täufern untersucht.

Anfänge der Täuferbewegung

Die Täuferbewegung wird oft als ‚dritter Flügel der Reformation‘ bezeichnet, welcher sich neben jenem der Lutheraner (Augsburger Bekenntnis) und Reformierten (Helvetisches Bekenntnis) bildete. Deren Ursprung geht insbesondere auf einen Diskurs der 1520er Jahre in Zürich zurück, als Schüler von Ulrich Zwingli seine Auslegung der Bibel als zu wenig konsequent ansahen. Während Zwingli weiter die Kindertaufe vertrat, argumentierten die Diskursgegner Konrad Grebel, Felix Mantz und Wilhelm Reublin für eine Erwachsenentaufe und stützten sich dabei etwa auf den Missionsbefehl in Markus 16, 15-16. Darin folge die Taufe auf den Glauben, wozu Kinder noch nicht fähig seien. Am 21. Januar 1525 erfolgte durch diese Gruppe die erste Erwachsenentaufe und somit die Trennung von Ulrich Zwingli.

Die Bewegung kam darauf durch Wanderprediger und Literatur insbesondere über Südtirol nach Österreich und breitete sich früh weiträumig aus. So werden im 16. Jahrhundert in vielen Ortschaften Österreichs Täufer erwähnt, wie es in der Karte dargestellt ist. Besonders im damaligen Tirol fand die täuferische Lehre Anklang. Hier sei Jakob Hutter hervorzuheben, dessen Bewegung aus dem Südtiroler Pustertal bis heute in den USA, Kanada und Australien besteht (die sogenannten Hutterer).

Verfolgung und Flucht

Die Geschichte der österreichischen Täufer ist von Beginn an auch eine Geschichte der Verfolgung. Bereits 1528 wurden Täufer im Habsburger Reich durch Kaiser Karl V. für vogelfrei erklärt und Ferdinand I. stellte die Wiedertaufe unter Todesstrafe. Für mehrere tausend Anhänger folgte die Hinrichtung. Als besonders Angst schürende Faktoren gegen das Täufertum galten Bauernaufstände und später Vorkommnisse von gewalttätigen Täufern in Münster (1534 / 1535), die u. a. zusammen mit der Verweigerung des Untertaneneids sowie deren Ideologie entgegen Standesunterschiede für Missgunst sorgten. Ein Überleben war den Täufern in Tirol sowie im Land ob der Enns fast nicht mehr möglich.

Die frühe Flucht der Täufer erfolgte mir Schiffen über der Inn und Donau, deren Zusammenfluss in Passau (OÖ) im Bild dargestellt ist (Bild: L. Eder).

Die Folge war eine organisierte, heimliche Auswanderung nach Mähren (im heutigen Tschechien), das ab 1527 Zufluchtsort für Täufer aus vielen Ländern bot. Von Tirol aus fand die Flucht mit Schiffen über der Inn und die Donau, sowie danach weiter von Grafenwörth über das Weinviertel statt. Ab etwa 1565 begann in Österreich die Gegenreformation, die das Land durch erzwungene Konvertierungen und Ausweisungen zunehmend katholisch machte. Etwa 1730 setzte unter Kaiser Karl VI. die Transmigration ein, in der Evanglische das Land nicht mehr verlassen durften, sondern in entfernte Regionen des Habsburger Reiches verschleppt wurden (vor allem nach Siebenbürgen).

In Österreich bestand die protestantische Lehre auch unter dem Verbot als Geheimprotestantismus weiter. Der Glaube wurde dabei in geheimen Zusammenkünften gelebt, die u. a. in den entlegenen Streusiedlungen der Alpen ausgeübt werden konnten. Dass unter den Geheimprotestanten auch Täufer die Gegenreformation überdauerten, wird verneint: „Die Täuferbewegung hat die Rekatholisierung nicht überlebt! Bis ins 19. Jahrhundert lässt sich im heutigen Österreich keine Täufergemeinde nachweisen“ (Eichinger und Enzenberger 2011: 26). Jedoch geht aus Aufzeichnungen hervor, dass sich Kärntner Transmigranten in Siebenbürgen den Täufern anschlossen.

Freikirchen in Österreich: Wiederaufkommen der Täufer?

Die Situation der Protestanten änderte sich unter Joseph II., als im Toleranzpatent von 1781 Lutheranern, Calvinisten, Griechisch-Orthodoxen sowie Juden – jedoch nicht den Täufern – eingeschränkte Religionsausübung erlaubt wurde. Täuferische Lehre kam erst in den 1840er Jahren zurück nach Österreich, als Wiener Handwerker in Hamburg mit Baptisten in Kontakt kamen². Als die Handwerker 1846 zurückkehrten, gründeten sie den ersten baptistischen Bibelkreis. 1869 folgte die Formierung der ersten Baptistengemeinde in Wien. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen weitere Freikirchen hinzu, deren Anzahl vor allem ab 1960 zunahm. Dazu zählen u. a. Evangelikale Gemeinden, Pfingstgemeinden und Mennoniten, über die teilweise berichtet ist, dass sie durch Missionare aus dem Ausland geprägt wurden. Weitere Freikirchen ergänzen das Bild, die heute in Österreich – ähnlich wie die Täufer im 16. Jahrhundert – fast flächendeckend vertreten sind.

Gemeindegebäude

Im Jahr 2013 wurden die ‚Freikirchen in Österreich‘ als Religionsgemeinschaft anerkannt. Die heutigen Gemeindezentren der Freikirchen sind zumeist einfach gehalten und praktisch orientiert, wie es hier am Beispiel der Evangelikalen Gemeinde Villach gezeigt ist (Bild: M. Eder).

Die legislative Lage der Freikirchen änderte sich trotz der relativ weiten Ausbreitung erst zum Ende des 20. Jahrhunderts. Freikirchen wurde ab 1998 gemäß BGBl. I Nr. 19/1998 die Möglichkeit gegeben, als „staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft“ (BGBl. I Nr. 19/1998, § 2, Abs. 6) anerkannt zu werden. 11 Gemeinschaften wurden gemäß dieses Gesetzes eingetragen. Bedeutsam war darauf der Zusammenschluss von fünf Freikirchen³, die im August 2013 seitens der Gesetzgebung (BGBl. II Nr. 250/2013) offiziell als Kirche bzw. Religionsgemeinschaft „Freikirchen in Österreich“ anerkannt wurden.

Eine entscheidende Frage ist, ob die Täufer der Reformation den Ursprung der heutigen Freikirchen in Österreich darstellen. Diese Verbindung ist meines Erachtens berechtigt, da die Haltung der Freikirchen in vielen Punkten jener der frühen Täufer gleicht (z. B. in Bezug auf die persönliche und bewusste Nachfolge Jesu oder Erwachsenentaufe). Es muss aber beachtet werden, „dass infolge der Rekatholisierung Österreichs keine direkte Kontinuität zwischen den ‚Wiedertäufern‘ der frühen Neuzeit und den heutigen Freikirchen besteht […]“ (Eichinger und Enzenberger 2011: 131). Die täuferische Lehre kam über Umwege zurück nach Österreich und weicht heute in einigen Aspekten von deren Ursprüngen ab (z. B. in der strengen Gütergemeinschaft der Hutterer).

Zusammenfassung

In den Ausführungen wurde die umfangreiche und im Zeitraum von fast 500-jährige Geschichte der Täufer in Österreich zusammengefasst. Früh erfolgte die Ausbreitung der Bewegung, die u. a. durch ihre Gütergemeinschaft und Weigerung des Untertaneneids auffiel. Früh erfolgte aber auch eine Verfolgung und Verdrängung der Gruppe, dessen Anhänger bald nach Mähren und später bis nach Nordamerika und andere Länder flohen. Die Zeit der Gegenreformation überdauerte die Bewegung in Österreich wahrscheinlich nicht. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam täuferische Lehre zurück, als Handwerker den ersten baptistischen Bibelkreis in Wien gründeten. Darauf bildeten sich in Österreich zunehmend Freikirchen (vor allem ab 1960), die heute, ähnlich wie die Täufer im 16. Jahrhundert, weiträumig vertreten sind. Durch teilweise gleicher Lehre und Glaubenspraktiken (z.B. in der Erwachsenentaufe oder der persönlichen Nachfolge), kann meines Erachtens eine Verbindung zwischen den historischen Täufern des 16. Jahrhunderts und den heutigen Freikirchen gezogen werden, obgleich sie nicht durch eine direkte und fortdauernde Geschichte geprägt ist. 2013 wurden fünf Freikirchen im Zusammenschluss als Religionsgemeinschaft gesetzlich anerkannt – eine legislative Umsetzung, der eine lange Entwicklung vorausgeht.


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Fußnoten

¹ Der Ausdruck ‚Wiedertäufer‘ (auch ‚Anabaptisten‘) geht darauf zurück, dass sich Personen neben einer Säuglingstaufe ein zweites Mal als Erwachsene taufen ließen. Zu Beginn der Bewegung wurde dieser Ausdruck durch Gegner abschätzig verwendet.

² Die Ursprünge der Baptisten liegen in England des 17. Jahrhunderts und sind mittelbar mit den reformatorischen Anfängen des Täufertums verbunden.

³ Jene des Bundes der Baptistengemeinden, Bundes Evangelikaler Gemeinden, der ELAIA Christengemeinden, Freien Christengemeinde – Pfingstgemeinde und Mennonitischen Freikirche.

Literatur

Buchinger, Erich (1980): Die „Landler“ in Siebenbürgen. Vorgeschichte, Durchführung und Ergebnis einer Zwangsumsiedlung im 18. Jahrhundert. R. Oldenbourg Verlag, München.

Eichinger, Reinhold / Enzenberger, Josef F. (2011): Täufer, Hutterer und Habaner in Österreich. Täufermuseum Niedersulz. 2., verbesserte Auflage. Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg.

Evang. Pfarrgemeinde Spittal (o.J.): Hutterer, Täufer und Wiedertäufer im Überblick. URL: https://www.evang-spittal.at/hutterer_1.htm, letzter Zugriff am 10.01.2017.

Freikirchen Österreich (2016a): Die Gemeinden in Ihrem Bundesland. URL: https://www.freikirchen.at/freikirchen/gemeinden/, letzter Zugriff am 10.01.2017.

Freikirchen Österreich (2016b): Entstehung der „Freikirchen in Österreich“. URL: https://www.freikirchen.at/freikirchen/entstehung/, letzter Zugriff am 10.01.2017.

Hanisch-Wolfram, Alexander (2010): Auf den Spuren der Protestanten in Kärnten. Kulturwanderungen. Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt.

Hanisch-Wolfram, Alexander (2011): Transmigration. In: Hanisch-Wolfram, Alexander / Wadl, Wilhelm (Hg.): Glaubwürdig bleiben. 500 Jahre protestantisches Abenteuer. Katalog zur Kärntner Landesausstellung 2011 in Fresach. Evangelisches Diözesanmuseum, Klagenfurt: 96.

Hinkelmann, Frank (2009): Konfessionskunde. Handbuch der Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften in Österreich. Edition EA. OM Books, Linz.

Packull, Werner O. (2000): Die Hutterer in Tirol. Frühes Täufertum in der Schweiz, Tirol und Mähren. Aus dem Englischen übersetzt von Astrid von Schlachta. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck.

Sierszyn, Armin (2007): 2000 Jahre Kirchengeschichte. Reformation und Gegenreformation. Band 3. 4. Auflage. Hänssler Verlag, Holzgerlingen.

Übersicht der Quellen zur Karte

Täufertum des 16. Jahrhunderts

Erwähnung des Täufertums im 16. Jahrhundert:
Eichinger und Enzenberg 2011: 108

Route des Täufertums im 16. Jahrhundert:
Evang. Pfarrgemeinde Spittal o.J.; Packull 2000: 200; Sierszyn 2007: 332 f.

Flucht der Täufer nach Mähren im 16. Jahrhundert:
Eichinger und Enzenberger 2011: 98 f.

Freikirchen der Gegenwart

Wiederkehr täuferische Lehre im 19. und 20. Jahrhundert:
Hinkelmann 2009: 111-151

Auflistung der FKÖ-Gemeinden in Österreich:
Freikirchen Österreich 2016a

Text und Croquis (Kartendarstellung): Martin Eder (Juli 2017). Adaptiert nach einer Arbeit an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Bachelorstudium Geographie (Kurs: ‚Geographie und Recht‘ im WS 2016/17, Kursleitung: Dr. Anke Uhlenwinkel, Institut für Geographie und Regionalforschung). Ich freue mich über Anregungen und Verbesserungsvorschläge. Bitte richten Sie diese an maeder [at] edu.aau.at. Gerne teile ich die originale Arbeit, in der die Verweise detailliert im Text offengelegt sind.